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Dänemark schafft Tatsachen

Dänemark schafft Tatsachen

Wer den Diskussionen um das Projekt Feste Fehmarnbeltquerung auf deutscher Seite folgt, kann sich kaum des Eindrucks erwehren, hier ginge es noch um eine Option. Und nicht um ein in einem bilateralen Staatsvertrag beschlossenes Bauprojekt zur Förderung der Infrastruktur zwischen zwei kraftvollen Wirtschaftszentren Nordeuropas. Die damit einhergehenden finanziellen und technischen  Herausforderungen natürlich eingeschlossen. Ein Blick über den Belt macht deutlich, dass die dänischen Nachbarn schon längst mit großen Schritten an der Umsetzung der landseitigen Verkehrstrassen arbeiten, die der kommenden Tunnelkonstruktion erst den notwendigen Sinn geben: schnellen Bahnstrecken und Autobahnen, die eine markante Beschleunigung im Verkehr zwischen der Metropolregion Hamburg und der Öresundregion ermöglichen. Ein Überblick.

Die Kopenhagen-Køge-Ringsted-Bahn

Mit dem Bau einer neuen, rund 60 Kilometer Doppelspurstrecke von Kopenhagen via Køge nach Ringsted schlägt die dänische Bahnbehörde Banedanmark mehrere Fliegen mit einer Klappe. Als würde ein gordischer Knoten durchschlagen, wird die erste Schnellbahntrasse Dänemarks zum einen die innerdänischen Verkehre zwischen Kopenhagen und den urbanen Zentren im Westen des Landes markant beschleunigen. Wenn alles nach Plan läuft, werden Aarhus, Odense, Esbjerg und Aalborg ab 2018, also 28 Jahre nach der Eröffnung der Brücken- und Tunnelquerung des Großen Belts, konkurrenzlos schnell per Bahn mit Dänemarks Kapitale verbunden sein. Mit der Entlastung der heute überbeanspruchten Strecke Ringsted-Kopenhagen über Roskilde wird die DSB auf dieser Relation den Pendlern aus dem bevölkerungsreichen Westen Seelands wieder pünktliche Verkehre anbieten können. Die Anbindung Køges an die neue Schnellbahntrasse durch einen neuen Fern- und S-Bahnhof im Norden der Hafenstadt bedeutet zugleich eine deutlich verbesserte Verknüpfung der unterschiedlichen Verkehre im südlichen Umland Kopenhagens.

Bauarbeiten Rødbyhavn Færgevej; © Femern A/S

Bauarbeiten Rødbyhavn Færgevej; © Femern A/S

Für den innereuropäischen Bahnverkehr in Nord-Süd-Richtung ist die für Tempo 250 km ausgelegte Neubaustrecke ein entscheidendes Puzzleteil, das in Kombination mit dem Bahntunnel unter dem Fehmarnbelt die Karten völlig neu mischen wird: Die Verkürzung der Fahrzeit zwischen Hamburg und Kopenhagen von heute viereinhalb auf zweieinhalb  Stunden für Personenzüge wird den parallelen Flugverkehr an die Grenze seiner Sinnhaftigkeit bringen. Bahngüter zwischen den Metropolregionen Hamburg und Öresund können nach Fertigstellung der Tunnelkonstruktion den deutlich längeren Umweg über die altersschwächelnde Kanalbrücke bei Rendsburg, Flensburg und Fünen einsparen.

Die Ringsted-Fehmarn-Bahn

Die Bagger laufen sich schon warm: Mit dem Abriss der ersten 18 von rund 100 Straßenbrücken beginnt im Mai diesen Jahres der 1,2 Milliarden Euro teure Ausbau der Bahnstrecke zwischen Ringsted und Rødby am Fehmarnbelt. Wo heute dieselbetriebene Züge auf meist eingleisiger Strecke mit maximal Tempo 160 verkehren, soll ab 2021 eine der modernsten Bahntrassen Nordeuropas in Betrieb gehen. Der doppelspurige Ausbau und die Elektrifizierung machen nicht nur den Abriss bestehender Brücken, sondern auch von Wohnhäusern und Gewerbegebieten notwendig. Gleichwohl regt sich kaum Widerstand gegen das Projekt, zu groß sind die Hoffnungen, die man auf den strukturschwachen ostdänischen Inseln in die Anbindung an Europa setzt.

Für den Umbau der bestehenden Strecke tickt die Uhr noch deutlicher vernehmbar, da die Modernisierung der bestehenden Substanz erheblich zeitintensiver als der Neubau der Schnelltrasse nach Kopenhagen ist. Pünktlich zur geplanten Eröffnung des Fehmarnbelttunnels im Jahr 2021 soll der innerdänische Bahnverkehr zwischen Lolland und Kopenhagen seine volle Leistungsstärke ausspielen können.

Alte Storstrømbrücke; © Klaus Holsting

Alte Storstrømbrücke; © Klaus Holsting

Brückenneubau über den Storstrømmen

Fast sinnbildlich wiederholt sich am Storstrøm zwischen Seeland und Falster ein Stück dänischer Wirtschaftsgeschichte: Die im Rahmen einer beschäftigungspolitischen Maßnahme von 1933 bis 1937gebaute Bahn- und Straßenbrücke über die Meerenge bei Vordingborg ist in einem derart schlechten Zustand, dass sie den Herausforderungen der kommenden Schnelltrasse in keiner Weise genügt und abgerissen wird. Das dänische Parlament stimmte auch unter Hinweis auf die Belebung des heimischen Arbeitsmarktes für den Bau einer neuen Brücke: Das rund vier Kilometer lange Bauwerk wird

Querschnitt Brücke Storstrømmen; © Vejdirektoratet

Querschnitt Brücke Storstrømmen; © Vejdirektoratet

über zwei Bahngleise für Verkehr mit Tempo 200 ebenso verfügen wie über eine doppelspurige Straße für Tempo 80 und abgetrennte Bereiche für Radfahrer und Fußgänger. Auch für dieses Brückenprojekt wurden in rascher Reihenfolge Entscheidungen zur Diskussion gestellt und dann ergebnisorientiert beschlossen. So erhielt Ende März der Hafen von Nakskov auf Lolland aufgrund geeigneter Areale den Zuschlag für den Bau der großen Brückenelemente und ihre Verschiffung an den Zielort. Das zum heutigen Zeitpunkt rund 600 Millionen Euro teure Brückenprojekt ist für den regionalen Verkehr Südseelands und Falsters allerdings ebenso wichtig wie für den Bahnverkehr zwischen der Öresundregion und der Metropolregion Hamburg. Die kommende feste Verbindung unter dem Fehmarnbelt hat die Entscheidung für einen Neubau nur beschleunigt, aber nicht kreiert. Eine ähnliche Problematik zeigt sich auf deutscher Seite bei der Brücke über den Fehmarnsund, die Fehmarn an das Festland anbindet: Auch sie ist, wenn auch nur 51 Jahre alt, an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gekommen, wird aber nicht abgerissen, sondern durch eine zusätzliche Brücke oder eine Tunnellösung ergänzt werden.

A 47 Køge Bucht Blick nach Süden; © Vejdirektoratet
A 47 Køge Bucht Blick nach Süden; © Vejdirektoratet

Der Ausbau der A47

Die Køge Bucht Autobahn, so ihre offizielle Bezeichnung, ist mit täglich rund 100.000 Fahrzeugen die am stärksten befahrene Straße Dänemarks. Der aktuell sechsspurige Autobahnabschnitt zwischen Køge und Greve wird sowohl vom innerdänischen Ost-Westverkehr wie vom Verkehr zwischen der Öresundregion und den Fährhäfen  in Rødbyhavn und Gedser genutzt. Die dänische Straßenbaubehörde Vejdirektoratet hat nicht zuletzt mit Blick auf die kommende feste Querung des Fehmarnbelts den Ausbau auf acht Spuren in Angriff genommen, der dem erwarteten Zuwachs im Individual- und Frachtverkehr Rechnung tragen soll. Das schon im Dezember 2010 vom Folketing verabschiedete Bauvorhaben wird voraussichtlich 2018 fertiggestellt sein. Der politische Beschluss zur Aufwertung der E 47 in ihrem südlichen Abschnitt zwischen Sakskøbing und Rødbyhavn auf Lolland steht noch aus. Nach Abschluss der Umweltverträglichkeitsprüfung hat sich das Vejdirektorat für den Bau von durchgehenden Standstreifen, erneuerten Zufahrten und die Installation von Lärmschutzwänden ausgesprochen, um den Qualitätsstandard der Tunnelstrecke auch auf die anschließenden Fahrwege an Land auszudehnen.

Noch nicht im Blickfeld für den Verkehr, der via Fähre zwischen Puttgarden und Rødbyhavn unterwegs ist, wird in der dänischen Hafenstadt das Feld für das Megaprojekt im Übrigen schon längst bereitet: Zufahrten zu den verschiedenen Bauplätzen entstehen, Wohnungen für die Mitarbeiter der internationalen Baufirmen, Versorgungsanlagen. Das sind Tatsachen, keine Option.

Der Artikel erschien zuerst im Themenheft Nordische Länder der DVZ am 23. April 2014.

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