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Widerøe – Das fliegende Schmiermittel

Widerøe – Das fliegende Schmiermittel

Die Turboprop-Maschinen der norwegischen Fluggesellschaft Widerøe sind für die Wirtschaft in Norwegens Distrikten unerlässlich.


An manchen Tagen könnte die Stewardess das Mikrofon ruhig in der Halterung lassen und persönlich mit den Reisenden sprechen: Bei 39 Sitzen geht es in den kleinsten der 42 DASH 8-Turboprop-Maschinen von Widerøe doch recht familiär zu. Die norwegische Fluggesellschaft, der größte regionale Aircarrier des Landes, bedient zurzeit mit einer einzigen Ausnahme alle 48 Flughäfen und –plätze des langgestreckten Landes. Sie fliegt dabei selbst kleinste Außenposten im arktischen Teil an. Ein Blick auf die Karte verdeutlicht, warum das Land mit der Bevölkerungszahl des Ruhrgebiets über eine dermaßen gut ausgebaute Infrastruktur des Flugwesens verfügt: Würde man Norwegen an seiner Südspitze umklappen, läge das Nordkap zwischen Rom und Neapel. Wer diese Distanz innerhalb Norwegens auf dem Landweg zurücklegen möchte, benötigt dafür bei nahezu ausschließlichem Landstraßenverkehr, zahllosen Gebirgen und tief ins Land einschneidenden Meeresarmen mehrere Tage. Nördlichster mit der Bahn zu erreichender Punkt des Landes ist die Hafenstadt Bodø – auf Höhe der Lofoten. Für den Seeweg ab Bergen bis zur russischen Grenze bei Kirkenes benötigen die kombinierten Passagier- und Frachtschiffe der Hurtigrutenreederei je Richtung knapp sechs Tage.

Dash 8-100; © wideroe.no

Dash 8-100; © wideroe.no

Seit jeher betreibt Norwegen für seine nördlichen Bezirke Nordland, Troms und Finnmark eine aktive Siedlungs- und Wirtschaftspolitik und unterscheidet sich damit erfolgreich von Schweden und Finnland, deren arktischen Regionen eine jahrzehntelange, nicht konsequent bekämpfte Landflucht erleben. Waren zu Zeiten des Kalten Krieges insbesondere geostrategische Gründe für die kostenintensive Besiedlungstruktur Nordnorwegens ausschlaggebend, sind es heute vornehmlich die Fischerei sowie das Energiegeschäft im Nordatlantik und in der Barentssee, die Norwegens Norden bewegen. Für die Wirtschaft der nahezu ausnahmslos an den Küsten liegenden Siedlungen und kleinen Städte ist der Luftverkehr überlebensnotwendig: Nur die schnelle und häufige Anbindung an die urbanen Zentren des Landes, den Großraum Oslo sowie Bergen, Stavanger und Trondheim, gewährleisten Ansiedlung und Überleben von Wirtschaftsbetrieben. In diesem eng verzahnten Getriebe sind der Flugplan und die Maschinen von Widerøe schlichtweg das Schmiermittel.

Lofoten aus der Luft; © CH - visitnorway.com

Lofoten aus der Luft; © CH – visitnorway.com

Weltweiter Spitzenplatz im Pünktlichkeits-Ranking
Transportiert wird praktisch alles, was von schneller, institutionalisierter Lieferung abhängig ist. Über die Basen in Bodø und Tromsø beispielsweise wird der komplette Post- und Zeitungsvertrieb für die angeflogenen Destinationen in Nordnorwegen geregelt; die Morgenflüge sind für die haptische Kommunikation und Information der Bevölkerung unerlässlich. Die Verantwortung der Fluggesellschaft als offizieller Postcarrier nimmt das Unternehmen zusätzlich in die Pflicht. Seit Jahren liegt Widerøe im jährlichen Pünktlichkeits-Ranking weltweit in der Spitzengruppe. Das ist auch deshalb bemerkenswert, als es Maschinen und Besatzung gelingt, selbst bei widrigsten Wetterbedingungen und schwierigen topografischen Verhältnissen im Flugplan zu bleiben.

Helgelandsküste von oben; © Terje Rakke - Nordic Life - Helgeland Reiseliv - www.visithelgeland.com

Helgelandsküste von oben; © Terje Rakke – Nordic Life – Helgeland Reiseliv – www.visithelgeland.com

Das Gros der Frachtmenge wird allerdings mit den Vormittagsflügen befördert, zumeist Logistikfracht, die zu einem festen Zeitpunkt am Ziel sein muss.  Für Offshore-Unternehmen an der Helgelandsküste, die auf ein Reserveteil warten, einen Fischereibetrieb in Finnmark, der eine Ladung frischer Königskrabben an Restaurants im Süden liefern muss, eine Autowerkstatt in Svolvær, die dringend Ersatzteile aus Mitteleuropa benötigt. Widerøe befördert Medizin für Patienten, die entlang der Fjordarme und in tiefen Tälern wohnen, schickt Laborproben aus den Distrikten zu den großen Regionalkrankenhäusern und transportiert Blumen von Süd nach Nord, um auf dem Rückweg Fischprodukte mit Frischesiegel für die urbanen Zentren des Landes zu verladen. Selbst das, was man in Deutschland früher einem IC-Schaffner vertrauensvoll und gegen Bares in die Hand gedrückt hat, gehört bei Widerøe in den Cargobereich: Wichtige Ausschreibungsdokumente und vergessene Pässe, Schlüssel, aber auch lebende Tiere.

Rund 18 Tonnen Fracht täglich nehmen den Luftweg mit Widerøe, wobei der Cargobereich im Süden des Landes nur eine untergeordnete Rolle spielt: Wo Straßen und Eisenbahnen gut ausgebaut sind, spielt das Flugzeug für den nationalen Warenverkehr nur eine unbedeutende Rolle.  Für den Verkehr entlang der Küste nördlich von Bergen kommen zudem die Schiffe von Hurtigruten ins Spiel: Auch die ehemalige Postschifflinie ist dank ihres festen Fahrplans mit täglichen Abfahrten ein verlässlicher Partner für die Wirtschaft in der Mitte und im Norden Norwegens. Vor allem große und schwere Fracht nimmt den Seeweg in die Peripherie.

Dash 8-300; © wideroe.no

Dash 8-300; © wideroe.no

Cargobasen entlang der ganzen Westküste
Die Ausgangssituation für das wirtschaftliche  Auskommen ist für Reederei und Luftfahrtgesellschaft gleich: Nur der Passagierverkehr erhält zur Sicherung der Grundversorgung staatliche Zuwendungen; das Frachtgeschäft muss sich selbst finanzieren. Bei Widerøe sind dies unter anderem die rund 250 der 1500 Mitarbeiter, die in Teilzeit oder ganzer Stellung im Cargobereich tätig sind. Dabei verteilen sich die Frachtzentren in fast gleichmäßigen Abständen entlang der Küste: Von Stavanger und Bergen im Süden über Trondheim bis nach Bodø. Über den Flughafen der Hafenstadt am Polarkreis wird sowohl der gesamte Frachtverkehr mit der Helgelandsküste als auch mit den Inselgruppen der Lofoten und Vesterålen abgewickelt. Weiter im Norden ist Troms die Drehscheibe für den kompletten Flugverkehr mit Finnmark, in der nur 70.000 Menschen leben, aber elf Flugplätze bedient werden. Das dichte Netz an Kurzbahn-Flugplätzen im nördlichsten Bezirk Norwegens wird komplett und ausschließlich von Widerøe bedient, das diese Leistungen seit vielen Jahren im Rahmen regelmäßiger Ausschreibungen gewinnt.

Vestvågøy auf den Lofoten; © Baard Loeken - www.nordnorge.com

Vestvågøy auf den Lofoten; © Baard Loeken – www.nordnorge.com

Bedeutendster Cargo-Außenposten im Ausland, zu dem Widerøe via Kopenhagen, Göteborg. Newcastle und Aberdeen ein Entré hat, ist letztgenannter. Die schottische Hafenstadt stellt für die Offshore-Industrie Großbritanniens  und Nordeuropas einen der bedeutendsten Verkehrsknotenpunkte dar. „Unser starkes Frachtengagement in Aberdeen ist dem Ölgeschäft in der Nordsee geschuldet“, erklärt Svein Visdal, Cargo Director bei Widerøe. „Es gibt einen großen Bedarf an Flugfracht von und nach Norwegen, und unsere Maschinen eignen sich ausgezeichnet für große Kolli.“ Und natürlich entfällt der Konkurrenzvorteil der Straße, der dem Unternehmen zusetzt. „Die größte Herausforderung liegt in der LKW-Branche, die praktisch rund um die Uhr produzieren kann“, so Visdal, “ohne sich dabei auch noch um zusätzliche Sicherheitsregeln kümmern zu müssen. Das gilt für den innernorwegischen Frachtverkehr gleichermaßen wie für das Geschäft mit dem Ausland.“

Auch diese erfolgreiche Dauerpräsenz des Luftcarriers trägt zu dem enormen Identifikationsfaktor der Bevölkerung mit dem Unternehmen bei, das im Süden des Landes zudem während der Reisesaison mit zeitlich befristeten Auslandsverkehren punktet.

Der Artikel erschien zuerst im Themenheft Nordische Länder der DVZ am 23. April 2014.

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